Oster-Blog 2021

Zum zweiten Mal prägt die weltweite Krise der Corona-Pandemie die Osterzeit. Unser Gästehaus ist noch immer geschlossen. Wir wollen dennoch versuchen, auf dieser Seite Anteil zu geben am österlichen Weg, zu dem wir alle eingeladen sind: in Ostern hineinzuwachsen.

Eine weitere große Spannung liegt auf dem Fest: Unsere Kirche ist zum Zerreißen gespannt, ist innen und außen bedrängt durch die Geschehnisse der vergangenen Jahre, Monate und Tage. Wo stehen wir? Wie geht es weiter? Was bedeutet das Osterfest – gerade in dieser Zeit?

In der großen Liturgie sind es oft die kleinen Dinge, die uns treffen: ein Wort, ein Bild, ein Klang. Das wollen wir hier teilen. Und freuen uns über jedes Echo – ganz unten gibt’s dafür ein Kontaktfeld.

Gesegnete Tage in dieser Oster-Zeit!


Zweiter Ostersonntag
Gott greifbar
Auferstandener Christus
Christus-Statue im Chor der Abtei Varensell


Der Zweite Ostersonntag gehört dem Evangelium von „ungläubigen Thomas“, wie er lange hieß. Die neue Einheitsübersetzung findet eine andere Überschrift für diesen Abschnitt der Osterevangelien: „Eine weitere Erscheinung Jesu und der Glaube des Thomas“. (Joh 20,24-29)

„Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn  ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ Handgreiflich will er das Un-Glaubliche spüren.
Nämlich dass der Gekreuzigte lebt.

Und Jesus bietet ihm die Hand. Die Verwundete.
In dieser Hand sieht Thomas die Wahrheit: „Mein Herr und mein Gott!"

Als hätte er sie wiedererkannt:
Die verwundete Hand Jesu ist – die Hand Gottes.
Ergreifbar.

Hand des Auferstandenen   Hand Gottes Katalanien
Hand des Auferstandenen
(Chor Varensell)
Hand Gottes (Katalonien, 12. Jh)

 


Verschlossene Türen
Schild "closed"
Corona hat viele Türen verschlossen ...

Corona hat viele Türen verschlossen – nicht nur Geschäfte und Häuser der Begegnung, sondern wohl auch Herzen und Gemüter: in Angst und Sorge und Resignation.

Eine kleine Wendung in den Osterevangelien rührt mich immer wieder an: Die verschlossenen Türen, hinter denen sich die Jünger verstecken – und Jesus, der einfach in ihre Mitte tritt. Unerklärlich, ungehindert, frei.

Der lateinische Text, der uns in den Gregorianischen Gesängen begegnet, fasst es unnachahmlich knapp: 

„ianuis clausis – stetit Jesus in medio.
Bei verschlossenen Türen - steht er plötzlich in der Mitte.“

Am Karfreitag hing er am Kreuz in der Mitte des Geschehens, und auch das beschreibt ein Hymnus äußerst knapp: „apertis brachiis – mit geöffneten Armen“

„ianuis clausis – apertis brachiis“
Verschlossene Türen - geöffnete Arme.
Was für ein Kontrast, was für eine Begegnung, was für eine Befreiung!
Und eine Einladung.

 


Osterwoche
Ostern ganz langsam lesen
Antiphon Respondens


Eine ganze Woche lang
singen wir nun morgens in den Laudes und abends in der Vesper dieselben Antiphonen. Das Fest der Auferstehung braucht Zeit. Bis Pfingsten wird es sich noch entfalten – und jetzt eine Woche lang: Immer dieselben Verse aus dem Osterevangelium, zweimal am Tag.

Antiphonen sind liturgische Kleinkunst. Eine Art Mini-Performance. Sie nehmen einen einzelnen Satz, ein Wort – und gestalten diesen Gedanken aus. Auf kleinem Raum - ganz reich. Im Singen dringt er allmählich ins Herz.

Eine gute Bekannte sagte mir am Ostersonntag: „Ich habe ja jetzt Zeit, kann nicht raus – da habe ich alle Texte mal ganz in Ruhe gelesen. Und ich habe gemerkt: Man muss sie ganz, ganz langsam lesen ... Dann kommt man wirklich hinein! Ich habe wirklich mit der Maria am Grab geweint ...“

Ostern ganz, ganz langsam lesen. Damit es hineinkommen kann in unser Leben.

 


Ostermontag
Anders unterwegs
Antiphon Jesus iunxit se

Der Ostermontag beginnt mit einer der für mich bewegendsten Antiphonen des Osterfestes. In den Laudes, dem Morgengebet rahmt sie den Lobgesang des Benedictus (Noten größer). Sie greift das Tages-Evangelium auf: Die Geschichte von den Emmausjüngern (Lk 24).

Mich berührt der Anfang: „Jesus iunxit se discipulis suis in via - Jesus verband sich seinen Jüngern auf dem Weg ...“ Es ist Jesus, der dazukommt - von sich aus, ungebeten, unerwartet, unerkannt. Er verbindet sich seinen Jüngern auf ihrem Weg.

Der Jesus, der sie in seine Nachfolge rief – hinter ihm her zu gehen –, derselbe Jesus geht jetzt – österlich – ihnen nach, gesellt sich dazu, geht neben ihnen her, verbindet, verbündet sich ihnen

Die Melodie steigt mit dem Weg an - man hört, sieht die drei dahingehen: hörend, fragend, erinnernd, erklärend, tröstend, deutend ... als Verbundene. Jesus hat sich ihnen verbunden.

Unser Weg ist ein anderer, seit der Auferstandene sich uns verbunden hat. Er geht mit uns – weil er selbst das will. Er kommt dazu, von sich aus. Seit Ostern ist das so. Auch heute.


Ostersonntag
Neues Feuer
Feuerflammen


Ostern beginnt in der Nacht.

Im Dunkeln, in der Finsternis stehen wir und warten auf den Glockenschlag  – dann lodert ein Feuer auf. Die Runde der Feiernden schweigt lange und schaut in die Flammen. Man hört es knistern.

Dann erklingt ein Gebet in die vom lodernden Schein erhellte Nacht hinein:

„Segne dieses neue Feuer,
das die Nacht erhellt,
und entflamme in uns die Sehnsucht nach DIR,
dem unvergänglichen Licht.“

Das Leben, das Gott uns in Christus geschenkt hat, ist Feuer.
Es beginnt in der Nacht. Die Sehnsucht entzündet es - neu.
Sehnsucht nach Gott ist Feuer. Brennen will es in uns, in mir.

Ostern beginnt in der Nacht.

 


Vom Dunkel zum Licht

In der Osternacht hörten wir eine eindrucksvolle Auslegung der Osterbotschaft aus den Lesungen und dem Evangelium der Liturgie. Hier kann man sie nachlesen - und sich beschenken lassen!


Ostern lange vor Ostern
Osterglocken im Kreuzgarten
Osterglocken im Kreuzgarten

Schon lange vor Ostern geschah ein kleines Wunder – in unserem Kreuzgarten.

Anfang Februar hatten die Narzissen sich schon weit aus dem Erdreich gewagt, über zwanzig Zentimeter, und zahlreiche Knospen schwollen an den schlanken grünen Stengeln heran. So viele hatten wir lange nicht mehr. Wie schön wird das sein, wenn es bald Frühling wird!

Dann kündete man den späten Wintereinbruch an: scharfer Dauerfrost, etliche Grad unter Null sollten kommen. O nein, wie schade für die Narzissen - das werden die Knospen nicht überstehen ...

Am nächsten Morgen waren die Narzissen komplett verschwunden. Der Schneesturm hatte die weiße Pracht im Kreuzgarten einen guten halben Meter hoch verweht. In den kommenden Nächten sank das Thermometer auf minus fünfzehn Grad.

Genauso schnell, wie er kam, verschwand der Winter nach einer Woche, als die Polarfront vorüber war. Und die Narzissen? Richteten sich auf und wuchsen weiter. Die Schneemassen haben sie geschützt vor dem Erfrieren. Jetzt blühen sie so prächtig wie seit Jahren nicht mehr.

Und verkünden das Leben: als Osterglocken.


Karsamstag
Von Mutationen
Buchmalerei Psalmen

Die Liturgie des Karsamstag ist geprägt vom Warten und Nachsinnen, vom Fragen und Ringen um Verstehen. Viele Psalmen sind von diesem Suchen geprägt. Und das kann uns gerade heute, in der immer neu verlängerten Wartezeit auf ein Ende der Pandemie, sehr nah sein. Abtpräses Albert Schmidt hat dazu die folgenden Gedanken geschrieben:

In der neuen Einheitsübersetzung der Psalmen finden sich 46 Fragezeichen am Ende von Sätzen und Schreien, in denen Menschen Gott ihr Leid klagen. „Wird der Herr denn auf ewig verstoßen und niemals mehr erweisen seine Gunst? Hat seine Huld für immer ein Ende? Hat aufgehört sein Wort für alle Geschlechter? Hat Gott vergessen, dass er gnädig ist? Oder hat er im Zorn sein Erbarmen verschlossen?“ So betet ein Mensch im Psalm 77.

Er leidet nicht nur darunter, dass die Dinge sich ändern – ihm macht der Eindruck zu schaffen: Gott hat sich verändert. Das spricht er im folgenden Vers aus: „Da sagte ich: Das ist mein Schmerz, dass die Rechte des Höchsten so anders handelt“ (V. 11). Die Lutherbibel übersetzt: „Darunter leide ich, dass die rechte Hand des Höchsten sich so ändern kann.“ Im lateinischen Psalter des Breviers steht hier der Ausdruck haec mutatio dexterae excelsi„diese Veränderung der rechten Hand des Höchsten“.

Ratlos steht der Beter vor einer mutatio, einer Mutation Gottes. Er kennt sich nicht mehr aus, weil er Gott anders kennenlernt als er es bisher gewohnt war. Er erlebt eine Enttäuschung, und das tut immer weh. Doch unsere Sprache gibt uns zu verstehen: Eine Ent-täuschung befreit uns von einer Täuschung. Sie nimmt uns eine Vorstellung, die wir uns gemacht und wie eine schützende Wand zwischen unsere Erwartungen und die Wirklichkeit geschoben hatten. Was bei den Mutationen des Virus gefährlich werden kann, erweist sich bei den „Mutationen Gottes“ als unsere Rettung: Gott bleibt ansteckend. Er passt sich an uns an. Wir können nicht sicher sein, dass unsere Abwehrmechanismen ihm auf Dauer standhalten werden.

Gott ist anders, und er kann auch uns ändern. Augustinus schließt in seiner Auslegung des Psalms an das Wort von der „Veränderung der Rechten des Höchsten“ das Sätzchen an: „Jetzt hat der Höchste begonnen, mich zu ändern.“ Das bedeutet: Unser menschlicher, allzu menschlicher Wunsch, der Spuk möge rasch vorbeigehen und alles wieder so werden, wie es vorher war, greift zu kurz. Wenn wir nach der Pandemie weitermachen, als wäre nichts geschehen, laufen wir Gefahr, uns gegen das Wachstum zu immunisieren, zu dem Gott uns vielleicht durch diese Herausforderung führen will.

An Ostern – und in jeder Eucharistie – feiern wir die fruchtbare „Mutation“ unserer Erlösung: Der Gott gleich war, wird zum erniedrigten Gekreuzigten, das Weizenkorn zum Brot des Lebens. 

 


Und Judas?
Ikone Auferstehung des Judas
Friedensikone von Josua Boesch


Karsamstag ist der Tag der Grabesruhe Jesu. Die christliche Tradition hat diese Ruhe allerdings mit Leben gefüllt:

Als Gestorbener steigt Jesus in die Unterwelt, in das Reich des Todes hinab. Diese sehr bildhafte Vorstellung, wie sie die Predigt des Epiphanius (siehe weiter unten im Blog) eindrucksvoll darstellt, hat existenziell tiefe Bedeutung:

Auch die Toten werden erfasst vom österlichen Geschehen. Das Gestorbensein ist nicht das Ende ihrer Geschichte. Nicht nur wir (noch) Lebenden, nicht nur die „Überlebenden“ haben Grund zur Hoffnung. Auch die Opfer werden „abgeholt“ aus ihrem „Verlorensein“. Die Opfer einer Pandemie, die Opfer eines Krieges, die Opfer unserer Migrationspolitik, die Opfer von Gewalt und Übermacht ... Eine Vorstellung, die die für ihren Tod Verantwortlichen durchaus beunruhigen kann.

Aber seit einiger Zeit hat man sich auch Gedanken gemacht über das Schicksal des Judas. In den Passionsgeschichten der Evangelien ist er als der Verräter Jesu der absolut Verdammte. „Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.“, legt Matthäus Jesus beim Abendmahl in den Mund (Mt 26,24).

Was für ein furchtbarer Satz! Das Entsetzen, der Abscheu darüber, dass ausgerechnet einer der Zwölf den Meister verraten hat, schlägt sich in den Texten drastisch nieder. Das endgültig vernichtende Urteil hat nicht zuletzt den Antisemitismus im Christentum jahrhundertelang befeuert.

Heute versucht man, die Beweggründe des Judas zu verstehen, um ihn zu „rehabilitieren“. Und - sollte Gottes österliche Lebensmacht wirklich vor diesem reuigen Verräter und verzweifelten Selbstmörder haltmachen?

Der Schweizer Künstler Josua Boesch hat eine „Friedensikone“ (Bild größer) geschaffen. Sie greift den Abstieg Jesu in die Unterwelt auf - und lässt den Auferstandenen zusammen mit Judas aus der Tiefe des Todes heraufsteigen. Hand in Hand, voller Dynamik, ein tanzender Sieg, er reißt ihn empor. Ich höre diesen Jesus rufen: „Kommt her, jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn euer Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden!“ (Lk 15,32)

Mit all unseren „verdammten“ Brüdern und Schwestern - sollten wir uns wohl aufmachen zum österlichen Festsaal?

 


Jesu Abstieg in die Unterwelt
Christi Gang in die Unterwelt
Karsamstag: eine ungewöhnliche Grabesruhe

Einer der schönsten Texte der österlichen drei Tage ist eine Lesung aus den „Trauermetten“, die am Karsamstag gesungen werden. Es ist die Predigt des altkirchlichen Bischofs Epiphanius (+ 535) zum „Großen und heiligen Sabbat“, die „berichtet“, was an diesem Tag der Grabesruhe Jesu in der Unterwelt geschieht.

Die darin beschriebene „Ruhe Gottes“ hat allerdings nichts zu tun mit der „Oster-Ruhe“, die uns Corona verordnet. Oder doch?

Download der Homilie des Epiphanius


Karfreitag
Kreuz und - Freude?
Kreuz und Christus-Mosaik
Tod und Leben - ineinander


„Dein Kreuz beten wir an, Herr, und deine heilige Auferstehung loben und verherrlichen wir.
Denn siehe: Durch das Holz ist Freude gekommen in die ganze Welt.“

Der Karfreitags-Gesang „Crucem tuam“ spannt das Paradox unserer Befreiung auf: Eben gerade durch den Tod Jesu ist Heil und Freude gekommen - für alle Welt. Das ist das Zentrum uneres Glaubens.

Das Bild aus der Abteikirche bringt es auf den Punkt - oder besser gesagt: ins Mosaik. Das aufgestellte Kreuz auf dem Altar steht heute im Vordergrund - eben weil dahinter der österliche Hirte schon das Lamm auf dem Schoß und mit ihm die Welt in seinen Armen trägt.

Tod und Leben - so nah zusammen. Ja, ineinander.
Was für eine Hoffnung - gerade in unserer erschütterten Welt.

 


Mein Volk, was habe ich dir getan?
Kreuz im Kapitelsaal
Sich fragen lassen unter dem Kreuz

Zu den eindrücklichen Gesängen der Karfreitagsliturgie gehören die Improperien während der Kreuzverehrung. Darin spricht Gott selbst sein Volk, uns Menschen an, die wir ihn ans Kreuz geschlagen haben. Der Text geht zurück auf Micha 6, wo Gott in einen Rechtsstreit tritt:

„Mein Volk, was habe ich dir getan, oder womit bin ich dir zur Last gefallen? Antworte mir!“ (Mi 6,3)

Angesichts des erhöhten Kreuzes geht mir das durch und durch. In diesem Jahr aber ganz besonders. Wie sehr haben die nun offenkundig gewordenen Verbrechen innerhalb unserer Kirche die Botschaft des Evangeliums verraten, wie vielen Opfern ist Glauben unmöglich geworden? Wie sehr sind Glaubende verunsichert und enttäuscht von verzögerten oder gar verweigerten Diskursen und Reformen? Wie viele sind gegangen und werden noch gehen ... und wie sprachlos und ratlos stehen wir da?

„Was habe ich euch getan? Antwortet mir!“

Wir sollten uns der Frage nicht entziehen - um aus dem Streit und Ringen mit Gott hoffentlich gesegnet hervorzugehen wie Jakob es einst am Jabbok erfahren hat (Gen 32).  

 


Heute wieder
Christus mit Dornenkrone
Brennende Dornen: „Corona spinarum“


Einst in der Wüste
schien Gott dem Mose auf
im brennenden Dornbusch
und nannte ihm seinen Namen:
„Ich bin der Ich-bin-da!“

Warum gerade im Dornbusch,
fragten die Gelehrten später,
warum nicht im schönen,
blühenden, prächtigen Gewächs?

Weil, so ahnten sie, dieser Gott
nicht erhaben und groß sein will,
wenn sein Volk in Fesseln und Elend lebt.
Dann brennt Gott in den Dornen.
Aus den Dornen brennt es: „Ich bin für euch da!“

Heute brennen wieder Dornen:
auf dem Haupt des Gekreuzigten.
Da brennt eine Krone aus Dornen.
Krone heißt auf Latein „corona“.

Auch heute brennt Gott - weltweit: „Ich bin für euch da!“

(Text von 2020 - stimmt immer noch)


Gründonnerstag
Das geht zu weit!
Darstellung der Fußwaschung
„Das geht zu weit!“ Die Fußwaschung provoziert Widerspruch.

In der Feier vom letzten Abendmahl legte Äbtissin Angela das Evangelium von der Fußwaschung aus und führte uns so in die Feier der „Heiligen Drei Tage“ hinein. In ihrer Ansparche klingt vielmals unser Jahresleitwort an: „weiter gehen“.

Hier können Sie die Ansprache herunterladen.


Nach der Weise „Krankheit“ zu singen.
Trauernde Frau
Verzweiflung aufnehmen - und teilen

In den Laudes, dem Morgengebet des Gründonnerstag, haben wir den Psalm 88 gesungen. Es ist ein Klagelied, eigentlich sogar ein Anklage-Lied: „Deine Schrecken haben mich vernichtet ...“ Als einziger endet dieser Psalm nicht mit einem Aufblick der Hoffnung und des Vertrauens, sondern mit der resignierten Feststellung: „Mein Vertrauter ist nur noch die Finsternis.“

In der biblischen Überschrift dieses Psalms ist vermerkt: „Nach der Weise 'Krankheit' zu singen.“ Was liegt näher, als ihn derzeit „nach der Weise 'Corona' zu singen“? Viele seiner Verse könnten aus dem Herzen der einsam Sterbenden dringen - und auch aus der Not der abschiedslos zurückbleibenden Angehörigen.

Aber heute berührt mich auch, dass wir überhaupt die Verzweiflung dieses uralten Beters in der Liturgie immer wieder aufnehmen, immer wieder laut werden lassen, uns immer wieder selbst hineinbegeben, uns darin einfühlen. Anstatt das Dunkle und Schwere beiseite zu schieben, auszuweichen, es zu verdrängen und zu vergessen. 

Gebet ist auch Einfühlung. Nicht-Vergessen. Aufmerksamkeit für die Stimme aller Menschen. Gerade der Leidenden.

 


Gebrochenheit

Beim letzten Abendmahl verschenkt Jesus sich selbst in die Hände seiner Jünger: als gebrochenes Brot. Jeder bekommt ein Stück, hält es in seinen Händen. Ein Bruchstück. Ein Fragment. 

Im Brechen des Brotes ist Gott in unserer Mitte gegenwärtig. Er nimmt unsere eigene Form an: Unsere Gebrochenheit, die Bruchstücke unseres Lebens, die schroffen Kanten von Verletzungen, Versagen, Verlusten, Nöten. Unsere Unvollkommenheit.

Die schöne, kreisrunde Hostie führt fast in die Irre: Erst gebrochen und geteilt wird das Brot zum Zeichen. Erst vom Bruchstück werden alle satt. Erst aus vielen Fragmenten und Brüchen entsteht eine Mahlgemeinschaft - die Kirche. Wir.

Leonard Cohen singt:
„Ring the bells that still can ring / forget your perfect offering  
there is a crack in everything / that's how the light gets in.“

Brotbrechen


Mittwoch der Karwoche
„Der Meister lässt dir sagen ...“
Platz haben
Meinen Raum geben

„Geht in die Stadt zu dem und dem und sagt zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist da; bei dir will ich mit meinen Jüngern das Paschamahl feiern.“

So heißt es heute im Evangelium des Tages (Mt 26,18). Jesus braucht gelegentlich Randfiguren. Am Palmsonntag war es der Besitzer einer Eselin, der sein Tier „auf Zuruf“ zur Verfügung stellen sollte. Er tat es. Und hier ist es „der und der“ - sein Name tut nichts zur Sache - der ebenso bereitwillig sein Haus zur Verfügung stellt.

Auch ich bin eher eine Randfigur im Blick auf die großen Ereignisse in Welt und Gesellschaft und Kirche. Eher unbekannt, ein wenig abseits. Eine von vielen eben. Was kann ich schon tun? Zumal gerade alles von der Pandemie gelähmt und mühsam und abgesagt ist.

Aber vielleicht lässt der Meister jetzt auch mir sagen: „Meine Zeit ist da; bei dir will ich mit meinen Jüngern das Paschamahl feiern ...“ ?

Dann würde ich jetzt gebraucht. Dann würde mein eigenes Leben jetzt der Raum für das Ostergeschehen.

„Ja, Meister, wenn du willst - ich habe Platz für euch!“

 


Kreuz in der Abtei
Kreuz in der Abtei

Ostern ist nicht abgesagt.
Nein, Ostern findet gerade statt.
Ostern ereignet sich immer jetzt – global und sehr real.
Was wir an Ostern feiern – das geschieht derzeit hunderttausendfach.
Überall auf der Welt, aber diesmal auch bei uns,
ganz unerwartet und neu und anders, direkt vor unserer Tür.
Das erschreckende Geheimnis von Leid und Tod –
es hat uns im Griff –
jetzt spüren wir es hautnah.
Es geht um Leben und Tod – für viele. Für viele von uns.
Ja, das ist das Geheimnis von Ostern.
Erschreckend real sind wir mittendrin.

Aber gerade das ist die Botschaft von Ostern:
Auch Gott ist mittendrin – erschreckend real.
Gerade jetzt, gerade heute, genau so
geht Gott in das Leiden und Sterben hinein – mit uns.
Gerade jetzt wird die Liebe stark wie der Tod –
bei allen, die helfen, die sorgen, die kämpfen und hoffen.
Gerade jetzt öffnet Gott neues Leben – auch durch den Tod hindurch,
auch da, wo unsere Möglichkeiten enden.
Gott selbst ist gestorben, Gott selbst stirbt mit uns –
und reißt uns mit sich durch das Dunkel ins Licht.
Weniger glauben wir Christen nicht. 
Ist uns das neu?

Nein, Ostern ist nicht abgesagt.
Ostern ist uns zugesagt. Gerade jetzt. Im Ernst.


Dienstag der Karwoche
Contrarius - er ist uns entgegen
Kontrast
Herausfordernde Kontraste

„Dixerunt impii: Opprimamus virum iustum, quoniam CONTRARIUS est operibus nostris. - Die Sünder sagen: Lasst uns den Gerechten bedrängen, denn er steht unserem Tun entgegen.“

Der Dienstag der Karwoche ist für mich geprägt von dieser Antiphon, einem kleinen gesungenen Vers in Morgen- und Abendgebet, darin ist die Rede vom Widerspruch zwischen „Gerechten“ und „Ungerechten“. Eine große Spannung entsteht, wo Recht und Unrecht aufeinandertreffen, eines hält das andere nicht aus.

Solche Kämpfe erleben wir derzeit in vielen Bereichen von Gesellschaft und Kirche, eine Polarisierung, die in Feindschaft umschlägt - bis hin zur Gewalt. 

Auch das Geschehen um Jesus ist von diesen spannungsreichen Gegensätzen geprägt. Von ihm wird da gesagt und gesungen: „contrarius est“ - „er ist uns entgegen“. Seine klare und starke Liebe ist ganz anders als unsere Kämpfe und Abwehrreaktionen. Herausfordernd anders.


Montag der Karwoche

„Lass uns aufatmen!“ –
Das (lateinische) Tagesgebet vom Montag in der Karwoche überrascht mich mit der Bitte: „Schenk uns, dass wir aufatmen!“

Da begehen wir das Gedenken des Leidens und des Sterbens – eine schwere, dunkle Zeit – und wir sollen dadurch aufatmen? Der Blick des Gebets reicht weiter und tiefer als ich selbst in der Bedrängnis schaue. Die Hoffnung auf Ostern schafft Raum: Es geht darum, dass wir aufatmen können.
Wir Kranken. Wir Verletzten. Wir Erschütterten. Wir Ratlosen. Wir Suchenden. Wir Überforderten. Ja, schenk uns, dass wir aufatmen können!

Da, quaesumus omnipotens Deus, ut
qui ex nostra infirmitate deficimus, intercedente unigeniti Filii tui passione,
respiremus!


Palmsonntag
Wo ist eigentlich Gott?
Handschrift des Offertoriums vom Palmsonntag
Uralte Gesänge, hochaktuell: das Offertorium „Improperium" (Bild: www.e-codices.unifr.ch)

In dieser Zeit Gott zu „sehen“ oder seine Nähe, seine Wirklichkeit zu erfahren - das ist nicht leicht, weder in der Kirche noch in unserer von Krisen geschüttelten Welt. Oft auch im eigenen, persönlichen Umfeld nicht.

Am Palmsonntag haben wir zur Gabenbereitung den Gesang Improperium exspectavit cor meum“ gesungen: „Schmach und Elend erwartet mein Herz, ich halte Ausschau nach einem, der mit mir traurig ist, und da ist keiner. Ich suche einen, der tröstet - und finde keinen ...“ (aus Psalm 69) 

Das sind an dieser Stelle die Worte Jesu im Zugehen auf sein Leiden. Aber es könnten auch die Worte derer sein, die Opfer von Missbrauch wurden - und lange, lange Zeit niemanden hatten, der sie hörte, ihnen glaubte, ihnen Hilfe und Recht verschaffte.

Jesus wird Opfer. Sein Weg ans Kreuz ist ein Weg tiefster Solidarität mit allen, die leiden. Wer Gott sucht, seine Nähe erfahren will - darf die Opfer von Unrecht, Gewalt, Missbrauch, Willkür, Gleichgültigkeit nicht übersehen und übergehen. Sonst suchen wir ihn vergebens.


Den Weg Jesu mitgehen: die Markus-Passion
Prof. Ballhorn
Liest die Passionsgeschichte nach Markus: Prof. Egbert Ballhorn

Ein guter Impuls für diese Woche:
Die Passion nach Markus wird von Prof. Egbert Ballhorn in eigener Übersetzung in der Grabeskirche Liebfrauen in Dortmund gelesen.

Abwechselnd hierzu singt Simon Daubhäußer Auszüge aus den „Klageliedern" und improvisiert an der Orgel. Sie können es unter folgendem Link aufrufen: Video auf Youtube

„Echo“ zum Oster-Blog

Wir freuen uns über Ihre Ideen, Gedanken, Rückmeldungen, Fragen, Anliegen zum „Oster-Blog 2021“!
Ihre Benediktinerinnen der Abtei Varensell

 

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