Oster-Blog 2021

Da wir über zu Ostern und in der ganzen Osterzeit bis Pfingsten keine Gäste aufnehmen konnten, um das große Fest unseres Glaubens gemeinsam zu feiern, haben wir in der gesamten Zeit diesen „Osterblog 2021“ geführt. 

Weil Ostern mit der Fest-Zeit nicht aufhört, sondern unser ganzes Leben unter sein positives Vorzeichen stellt, bleiben die Beiträge bis auf Weiteres stehen: zum Nachlesen, Nachdenken, Mitleben! 

Eine gesegnete, immer von Ostern erfüllte Zeit wünschen Ihnen 
Ihre Benediktinerinnen in Varensell


Pfingsten
40 Tage – 50 Tage – 218 Tage
Grüne Zeit
Die „Grüne Zeit“ im Kirchenjahr ist Geist-Zeit!

Auf Ostern bereiten wir uns 40 Tage vor – so lange halten wir die „Fastenzeit“. Dann feiern wir 50 Tage lang Ostern: Es braucht Zeit, um das Geheimnis der Auferstehung Jesu und was es für uns bedeutet, zu verstehen. Mit dem Pfingstfest, der Herabkunft des Heiligen Geistes, findet diese lange Osterzeit ihren Abschluss.

Der Geist hat keine eigens benannte Zeit, um kennengelernt, eingeübt, verstanden zu werden. Er – oder: sie, Ruach – geht gleichsam „incognito“ mit uns durch den Alltag, einfach so, 218 Tage lang, bis mit dem Advent wieder eine geprägte Zeit des Glaubens beginnt.

Bis dahin gibt es, ganz alltäglich, so viel zu entdecken: Dass er tatsächlich uns geschenkt ist. Dass es Jesu Geist ist, der da in uns wohnt. Dass wir Anteil haben an der Sendung, der Berufung, am Auftrag Jesu, an seiner Leidenschaft und seiner Liebe. Dass der Auferstandene mit uns und unter uns lebt, heute und hier und jetzt. Dass es um unser Leben geht, dass es mit Ostern „infiziert“ ist. Und dass wir tatsächlich selbst gemeint sind und verwandelt werden, Tag um Tag ...

Für all das braucht es bestimmt 218 Tage. Mindestens.


Atemhauch
Atem ist Leben ...

„Frohe Pfingsten!“ heißt: „Frohe Ostern!“

Das Evangelium vom Pfingsttag spielt am Abend des Ostertages (Joh 20,19-23). Das habe ich viele Jahre lang gar nicht wahrgenommen:

Der Geist ist die erste Gabe des auferstandenen Jesus an seine Jünger, gleich beim ersten Kommen in ihre Mitte, am ersten Abend, als alles noch unglaublich und unfassbar und voll Angst und Trauer war.

Ostern ist geisterfüllt: von Anfang an. „Er hauchte sie an“, steht da geschrieben: „Empfangt den Heiligen Geist!“ Kein Sturm, kein Feuer. Nur Atemhauch. 

Gott blies seinen Atem schon einmal in die Nase des Menschen, ganz am Anfang von allem: „Da formte Gott, der HERR, den Menschen, Staub vom Erdboden, und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ (Gen 2,7)

Jetzt, am Osterabend, geschieht eine neue Schöpfung, Oster-Schöpfung. Wir dürfen uns selbst ganz neu verstehen: Nicht nur Jesus ist ins neue Leben hinübergegangen, sondern mit ihm auch wir. Unser Atem ist Geist. Er erinnert uns ständig, auch unbemerkt – hier und jetzt.


Der ungefähr 2.000ste Geburtstag der Kirche
Pfingstikone
Pfingsten: im Kreis der Apostel


Pfingsten wird gern der „Geburtstag der Kirche“ genannt. Vom Geist wunderbar erfüllt, wandeln sich die verängstigten Jünger Jesu zu mutigen und glaubwürdigen Zeugen, deren Worte von allen verstanden werden und viele im Herzen erreichen: Die „Initialzündung“ eines Aufbruchs in alle Welt, zu allen Völkern, zu allen Menschen ... So stellt es die Apostelgeschichte dar (2,1-11).

Ehrlich gesagt: Heute höre ich diese Geschichte mit Trauer im Herzen. Dieser Geburtstag voller Wunder ist gut 2000 Jahre her, und unsere Kirche sieht erschreckend alt aus. Jedenfalls im Blick auf die, die sich gern als amtliche Nachfolger der vom Geist erfüllten Jünger sehen.

Aktueller, ja brandaktuell wirkt auf mich die Festtags-Lesung aus dem Ersten Korintherbrief (1Kor 12,3-7):
„Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist.
Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn.
Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott:
Er bewirkt alles in allen.
Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt,
damit sie anderen nützt.“

Vielfalt ist für den Geist charakteristisch. Nicht wenigen macht das Angst, auch in der Kirche. Angst scheint überhaupt charakteristisch für die Jünger Jesu zu sein, damals wie heute. Steht zu hoffen, dass der Geist auch diesmal stärker ist. Stärker als wir.


Siebter Ostersonntag
Illumination 7. Ostersonntag
Illumination des Sonntagsevangeliums

Ich habe sie behütet ...
... und keiner von ihnen ging verloren.“ Am Siebten Ostersonntag hören wir in der Liturgie eine Passage aus dem 17. Kapitel des Johannesevangeliums (17,11b-19). Wir hören hinein in das Gebet Jesu zum Vater, angesichts seines Abschieds von den Jüngern. Zwischen den Zeilen dieser dichten Meditation klingt vor allem eins: Eine große Wärme Jesu im Blick auf seine Jünger, für „seine Leute“ – und eine intensive Sorge um ihren Weg, ihr Leben, ihr Heil.

In unserem handgeschriebenen und kunstvoll gestalteten Evangelistar hat Schwester Erentrud zu diesem Text einen „Schutzmantel-Christus“ (Bild größer) gemalt. Seine ausgebreiteten Arme umfangen alle Jünger, die ausgestreckten Hände bilden als optische Kette eine dichte Gemeinschaft. Ein Abschied ist da kaum zu sehen, vielmehr ein Ineinander-Bleiben.

Und einmal mehr schlägt Sr. Erentruds Darstellung einen kühnen Bogen: Die Jünger und auch Christus selbst – sind eingekleidet als Mönche, sind Benediktiner, sind: wir selbst. Damit liest die Künstlerin uns einfach mitten hinein in das Evangelium. Oder umgekehrt: Sie holt diesen betenden Christus mitten in unser Leben. 

Diesen kreativen Mut sollten wir aber alle haben, nicht nur als monastische Gemeinschaft: uns hineinzustellen in das Bild, in das Wort, in Jesu Wärme und Sorge, in sein Gebet zum Vater für uns. Wir sind gemeint.
„Damit sie meine Freude in Fülle in sich haben.“ 


Christi Himmelfahrt
Seit Himmelfahrt ist Advent
Oster-Hymnus
Hymnus: Ostern auf kleinstem Raum


Seit vielen Jahren begleitet mich durch die Osterzeit die „Sonntags-Hymne" der Schweizer Dichterin und Benediktinerin Silja Walter. Kein anderes Lied hat mir so viel vom Ostergeheimnis erschlossen wie diese wenigen Zeilen in vier Strophen. Große Theologie mit einfachen Worten und starken Bildern, dazu eine kongeniale schlichte Melodie für das Stundengebet von P. Theo aus Einsiedeln. (Lied größer anzeigen

Hier habe ich verstanden: Himmelfahrt ist Ostern. Und Himmelfahrt ist die Wurzel vom Advent. 
Der Auferstandene ist abwesend anwesend: Er ist im „Kommen und Kommen“. 
Wie das Reich Gottes: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes kommt nahe!“ (Mk 1,15) 

Solche neuen Lieder möchte ich singen: ein Preislied auf Erden zu werden.

 


Himmel
Himmel: „Sky“ oder „Heaven“?

„Wenn nicht in den Himmel, wohin dann...?“

Unter diesem Titel hat der Theologe und Publizist Dr. Gotthard Fuchs einen guten theologisch-spirituellen Impuls zur Deutung des österlichen Festes „Christi Himmelfahrt“ gegeben. Hier kann man ihn finden: Link zur Hör-Datei beim Sender „Deutschlandfunk Kultur“. 


Sechster Ostersonntag
Botanischze Skizze vom Wein
Wein: Botanik eines österlichen Gleichnisses

„Bleibt in meiner Liebe!“

Seit dem letzten Sonntag schon begleitet uns in den Tagesevangelien das Bild vom Weinstock, an diesem sechsten Ostersonntag hören wir den zweiten Teil, die Auslegung des Bildworts: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh 15,9-17)

Das Weinstock-Gleichnis ist ein ganz und gar österliches Evangelium. Es steht in den Abschiedsreden Jesu und beschreibt die Art und Weise seiner Anwesenheit nach seinem Abschied, also die Anwesenheit des Abwesenden. Wie ist der Auferstandene in der Mitte seiner Jünger nachösterlich präsent? Wie ist er auch heute, auch jetzt abwesend-anwesend in unserer Mitte? Wie bleibt er uns verbunden – und wir ihm? 

Das Bild vom Weinstock bezeichnet eine unlösbare, weil organische Zusammengehörigkeit und Einheit: Der Weinstock ist ja eine einzige Pflanze. Von den Wurzeln über den Stock bis zu den Rebzweigen und den Trauben geschieht ein organischer Austausch, der wachsen und blühen und reifen lässt. Die Rebzweige werden aufgebaut und ernährt aus dem Stock: Ohne ihn verdorren sie, aus ihm und in ihm aber werden sie genährt und entwickeln sie sich – bis hin zu reicher Frucht.  

Der Saft dieser Pflanze, der im organischen Austausch ihr Leben nährt, ist die Liebe, wie es im zweiten Teil des Gleichnisses (Verse 9-17) entfaltet wird. Sie lebt in uns, durchströmt uns: vom Weinstock her, nicht aus unserer eigenen kleinen Kraft.

Gerade das macht das Bildwort zum österlichen: Wir werden mit Leben und Wachstum beschenkt, müssen die Frucht nicht selber leisten. „Bleibt in meiner Liebe!“, so lädt Christus, der Weinstock, uns, seine Rebzweige, ein. „Lasst euch tragen, nähren, zum Blühen und Reifen bringen – von mir!“


Fünfter Ostersonntag
Austrieb am Wein
Austrieb am Wein im Klostergarten

Das Bild vom Weinstock


„ICH BIN
der weinstock,
IHR SEID
die reben.“

junges leben
treibt der alte weinstock

zartes rosagrün in zerknitterten blättchen
die sich allmählich entfalten
erste anfänge von
leben blühen reifen frucht und fülle

weinstocktief verbunden
wachsen WIR
aus DIR

 


7 Wochen OHNE – 7 Wochen MIT!
Birnenblüte
Österliches Leben entdecken


„7 Wochen ohne“ – zu dieser sonst beliebten Fastenaktion der evangelischen Kirche hatten wohl wenige Menschen in diesem Corona-Jahr wirklich Lust: Die Pandemie beschert dem Leben schon seit Monaten ein andauerndes „OHNE“, da brauchte es keinen weiteren freiwilligen Verzicht, um eingefahrene Gewohnheiten aufzugeben  ...

„7 Wochen MIT“ – das könnte man aber nun gerade in dieser belasteten Zeit über die 50 Tage der Osterzeit schreiben. Sieben Wochen lang feiern wir Ostern, sieben Wochen lang prägt die Auferstehung Jesu die Zeit, hören und lesen wir die Botschaft der Heiligen Schrift, um sie aufzunehmen in unser Leben, um sie tief eindringen zu lassen in uns selbst.

In unserer Gemeinschaft ist es Brauch, in der Mitte der Fastenzeit innezuhalten und sich zu fragen, was aus den Vorsätzen, die man sich für die Vorbereitung auf Ostern gesetzt hatte, geworden ist, wie es gegangen ist, wo man steht, wie es weitergehen soll im Blick auf das näher kommende Fest.

So ähnlich könnten wir uns heute fragen, etwa um die Hälfte der Osterzeit: Wie wirkt sich Ostern in mir aus? Was lebt in mir, was hat sich verändert? Was will sich da tun – durch die Osterbotschaft?

Wie die Fastenzeit eher von Vorsatz und Umkehr im SInne von Korrekturen geprägt ist, so ist die Osterzeit vielleicht die Zeit, ein großes Geschenk zu empfangen und zu entdecken, wo mir das neue Leben schon überall entgegenkommt. Auch das kann eine „Umkehr“ sein, gerade jetzt in der Zeit der Pandemie: Sich gerade jetzt dem Leben zuzuwenden, dem Licht, der Freude, der Hoffnung und der Freiheit. Weil wir Christen Ostern feiern. Sieben Wochen und ein ganzes Leben lang – und über den Tod hinaus.

 


Vierter Ostersonntag
Oster-Schaf
Ostern - aus Schafsperspektive gesehen

Aus der Schafsperspektive


Die Evangelien der Ostersonntage beleuchten das Geschehen von Ostern in immer neuen Perspektiven. Heute stellt sich der Auferstandene selbst uns vor: „Ich bin der gute Hirt – ich gebe mein Leben hin für die Schafe.“ (Joh 10)

Mehr als sonst ging mir auf, dass das Bild des Hirten ein österliches ist, dass es um das Ostergeheimnis geht. Dieser Hirte will das Leben für seine Schafe - das Leben in Fülle. Hat auch das „Schafseinׅ“ mit Ostern zu tun?

Ein österlicher „Schafsgesang“ ist der Psalm 23. Ein Vertrauenslied. Und jetzt, in Corona-Zeiten fast ein Protestsong gegen die lähmende Pandemie.  „Nichts wird mir fehlen ... Meine Lebenskraft bringt er mir zurück“. Den Psalm 23 singt ein „Osterschaf“.  


Zeit für gute Gedanken
Abtpräses
„Echter Mensch sein“ von Albert Schmidt OSB

Unter dem Titel „Echter Mensch sein“ hat Abtpräses Albert Schmidt OSB einen gehaltvollen Vortrag aufgezeichnet für eine Reihe der Abtei Heiligenkreuz.

Anhand von sieben „Ich bin“-Worten beleuchtet er biblisch und praktisch einen persönlichen Weg, sich zum österlichen Menschen wandeln zu lassen. Eine schöne Meditation für freie Zeit - und freien Geist.

Das Video ist auf Youtube zu finden.


Dritter Ostersonntag
„Er öffnete ihren Sinn für das Verständnis der Schrift.“


So beschreibt Lukas im Evangelium dieses Sonntags (Lk 24,35-48) das Wirken des Auferstandenen in der Mitte seiner Jünger. Ostern zu begreifen, braucht es „geöffnete Sinne“. Um den Sinn zu erkennen – in den Worten der Schrift und im eigenen Leben.

Zu diesem Sonntag gab Äbtissin Angela dem Konvent einen Impuls, der einlädt, sich die Augen öffnen zu lassen – und auf Entdeckungsreise zu gehen in den Oster-Evangelien der Heiligen Schrift: „Haben Sie ein Lieblingsevangelium bei den Ostererzählungen?“ Hier ist er herunterzuladen!

„Emmaus-Triptychon“ (Autobahn-Kapelle Hegau)

Die Schriften verstehen lernen: „Emmaus-Triptychon“ (Autobahn-Kapelle Hegau)


Lebenden-Gedenken
Osterkerze Hoffnungszeichen
Osterkerze in der Abteikirche

Zum heutigen bundesweiten Gedenktag der Toten der Pandemie sind alle Bürger und Bürgerinnen eingeladen, eine Kerze ins Fenster zu stellen als Zeichen der gemeinsamen Trauer: „Um gemeinsam zu sagen: Ihr werdet nicht vergessen, und um den Hinterbliebenen eine Stimme zu geben und sagen: Ihr seid nicht allein in ihrem Leid, nicht allein in eurer Trauer“, sagte Bundespräsident Steinmeier.

In unserer Kirche brennt heute den ganzen Tag die große Osterkerze – als Zeichen der Hoffnung. Den Grund dieser Hoffnung feiern wir in diesen fünfzig österlichen Tagen. Die Aussicht dieser Hoffnung scheint im Ostfenster der Abteikirche auf: 

Hinter der brennenden Kerze öffnet sich ein Blick in den „Himmel“. Zeit und Ewigkeit vereinen sich in einer großen, lebendigen Feier der Gegenwart Gottes.

Ostern hat mit Tod und Leben zu tun. Ostern ist Leben aus dem Tod. Auch in einer Pandemie. Wenn unser Gedenken das vergisst, brauchen wir Ostern nicht zu feiern. Aber wir vergessen es nicht. Die Kerze brennt.

 


Zweiter Ostersonntag
Gott greifbar
Auferstandener Christus
Christus-Statue im Chor der Abtei Varensell


Der Zweite Ostersonntag gehört dem Evangelium von „ungläubigen Thomas“, wie er lange hieß. Die neue Einheitsübersetzung findet eine andere Überschrift für diesen Abschnitt der Osterevangelien: „Eine weitere Erscheinung Jesu und der Glaube des Thomas“. (Joh 20,24-29)

„Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn  ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ Handgreiflich will er das Un-Glaubliche spüren.
Nämlich dass der Gekreuzigte lebt.

Und Jesus bietet ihm die Hand. Die Verwundete.
In dieser Hand sieht Thomas die Wahrheit: „Mein Herr und mein Gott!"

Als hätte er sie wiedererkannt:
Die verwundete Hand Jesu ist – die Hand Gottes.
Ergreifbar.

Hand des Auferstandenen   Hand Gottes Katalanien
Hand des Auferstandenen
(Chor Varensell)
Hand Gottes (Katalonien, 12. Jh)

 


Verschlossene Türen
Schild "closed"
Corona hat viele Türen verschlossen ...

Corona hat viele Türen verschlossen – nicht nur Geschäfte und Häuser der Begegnung, sondern wohl auch Herzen und Gemüter: in Angst und Sorge und Resignation.

Eine kleine Wendung in den Osterevangelien rührt mich immer wieder an: Die verschlossenen Türen, hinter denen sich die Jünger verstecken – und Jesus, der einfach in ihre Mitte tritt. Unerklärlich, ungehindert, frei.

Der lateinische Text, der uns in den Gregorianischen Gesängen begegnet, fasst es unnachahmlich knapp: 

„ianuis clausis – stetit Jesus in medio.
Bei verschlossenen Türen - steht er plötzlich in der Mitte.“

Am Karfreitag hing er am Kreuz in der Mitte des Geschehens, und auch das beschreibt ein Hymnus äußerst knapp: „apertis brachiis – mit geöffneten Armen“

„ianuis clausis – apertis brachiis“
Verschlossene Türen - geöffnete Arme.
Was für ein Kontrast, was für eine Begegnung, was für eine Befreiung!
Und eine Einladung.

 


Osterwoche
Ostern ganz langsam lesen
Antiphon Respondens


Eine ganze Woche lang
singen wir nun morgens in den Laudes und abends in der Vesper dieselben Antiphonen. Das Fest der Auferstehung braucht Zeit. Bis Pfingsten wird es sich noch entfalten – und jetzt eine Woche lang: Immer dieselben Verse aus dem Osterevangelium, zweimal am Tag.

Antiphonen sind liturgische Kleinkunst. Eine Art Mini-Performance. Sie nehmen einen einzelnen Satz, ein Wort – und gestalten diesen Gedanken aus. Auf kleinem Raum - ganz reich. Im Singen dringt er allmählich ins Herz.

Eine gute Bekannte sagte mir am Ostersonntag: „Ich habe ja jetzt Zeit, kann nicht raus – da habe ich alle Texte mal ganz in Ruhe gelesen. Und ich habe gemerkt: Man muss sie ganz, ganz langsam lesen ... Dann kommt man wirklich hinein! Ich habe wirklich mit der Maria am Grab geweint ...“

Ostern ganz, ganz langsam lesen. Damit es hineinkommen kann in unser Leben.

 


Ostermontag
Anders unterwegs
Antiphon Jesus iunxit se

Der Ostermontag beginnt mit einer der für mich bewegendsten Antiphonen des Osterfestes. In den Laudes, dem Morgengebet rahmt sie den Lobgesang des Benedictus (Noten größer). Sie greift das Tages-Evangelium auf: Die Geschichte von den Emmausjüngern (Lk 24).

Mich berührt der Anfang: „Jesus iunxit se discipulis suis in via - Jesus verband sich seinen Jüngern auf dem Weg ...“ Es ist Jesus, der dazukommt - von sich aus, ungebeten, unerwartet, unerkannt. Er verbindet sich seinen Jüngern auf ihrem Weg.

Der Jesus, der sie in seine Nachfolge rief – hinter ihm her zu gehen –, derselbe Jesus geht jetzt – österlich – ihnen nach, gesellt sich dazu, geht neben ihnen her, verbindet, verbündet sich ihnen

Die Melodie steigt mit dem Weg an - man hört, sieht die drei dahingehen: hörend, fragend, erinnernd, erklärend, tröstend, deutend ... als Verbundene. Jesus hat sich ihnen verbunden.

Unser Weg ist ein anderer, seit der Auferstandene sich uns verbunden hat. Er geht mit uns – weil er selbst das will. Er kommt dazu, von sich aus. Seit Ostern ist das so. Auch heute.


Ostersonntag
Neues Feuer
Feuerflammen


Ostern beginnt in der Nacht.

Im Dunkeln, in der Finsternis stehen wir und warten auf den Glockenschlag  – dann lodert ein Feuer auf. Die Runde der Feiernden schweigt lange und schaut in die Flammen. Man hört es knistern.

Dann erklingt ein Gebet in die vom lodernden Schein erhellte Nacht hinein:

„Segne dieses neue Feuer,
das die Nacht erhellt,
und entflamme in uns die Sehnsucht nach DIR,
dem unvergänglichen Licht.“

Das Leben, das Gott uns in Christus geschenkt hat, ist Feuer.
Es beginnt in der Nacht. Die Sehnsucht entzündet es - neu.
Sehnsucht nach Gott ist Feuer. Brennen will es in uns, in mir.

Ostern beginnt in der Nacht.

 


Vom Dunkel zum Licht

In der Osternacht hörten wir eine eindrucksvolle Auslegung der Osterbotschaft aus den Lesungen und dem Evangelium der Liturgie. Hier kann man sie nachlesen - und sich beschenken lassen!


Ostern lange vor Ostern
Osterglocken im Kreuzgarten
Osterglocken im Kreuzgarten

Schon lange vor Ostern geschah ein kleines Wunder – in unserem Kreuzgarten.

Anfang Februar hatten die Narzissen sich schon weit aus dem Erdreich gewagt, über zwanzig Zentimeter, und zahlreiche Knospen schwollen an den schlanken grünen Stengeln heran. So viele hatten wir lange nicht mehr. Wie schön wird das sein, wenn es bald Frühling wird!

Dann kündete man den späten Wintereinbruch an: scharfer Dauerfrost, etliche Grad unter Null sollten kommen. O nein, wie schade für die Narzissen - das werden die Knospen nicht überstehen ...

Am nächsten Morgen waren die Narzissen komplett verschwunden. Der Schneesturm hatte die weiße Pracht im Kreuzgarten einen guten halben Meter hoch verweht. In den kommenden Nächten sank das Thermometer auf minus fünfzehn Grad.

Genauso schnell, wie er kam, verschwand der Winter nach einer Woche, als die Polarfront vorüber war. Und die Narzissen? Richteten sich auf und wuchsen weiter. Die Schneemassen haben sie geschützt vor dem Erfrieren. Jetzt blühen sie so prächtig wie seit Jahren nicht mehr.

Und verkünden das Leben: als Osterglocken.


Karsamstag
Von Mutationen
Buchmalerei Psalmen

Die Liturgie des Karsamstag ist geprägt vom Warten und Nachsinnen, vom Fragen und Ringen um Verstehen. Viele Psalmen sind von diesem Suchen geprägt. Und das kann uns gerade heute, in der immer neu verlängerten Wartezeit auf ein Ende der Pandemie, sehr nah sein. Abtpräses Albert Schmidt hat dazu die folgenden Gedanken geschrieben:

In der neuen Einheitsübersetzung der Psalmen finden sich 46 Fragezeichen am Ende von Sätzen und Schreien, in denen Menschen Gott ihr Leid klagen. „Wird der Herr denn auf ewig verstoßen und niemals mehr erweisen seine Gunst? Hat seine Huld für immer ein Ende? Hat aufgehört sein Wort für alle Geschlechter? Hat Gott vergessen, dass er gnädig ist? Oder hat er im Zorn sein Erbarmen verschlossen?“ So betet ein Mensch im Psalm 77.

Er leidet nicht nur darunter, dass die Dinge sich ändern – ihm macht der Eindruck zu schaffen: Gott hat sich verändert. Das spricht er im folgenden Vers aus: „Da sagte ich: Das ist mein Schmerz, dass die Rechte des Höchsten so anders handelt“ (V. 11). Die Lutherbibel übersetzt: „Darunter leide ich, dass die rechte Hand des Höchsten sich so ändern kann.“ Im lateinischen Psalter des Breviers steht hier der Ausdruck haec mutatio dexterae excelsi„diese Veränderung der rechten Hand des Höchsten“.

Ratlos steht der Beter vor einer mutatio, einer Mutation Gottes. Er kennt sich nicht mehr aus, weil er Gott anders kennenlernt als er es bisher gewohnt war. Er erlebt eine Enttäuschung, und das tut immer weh. Doch unsere Sprache gibt uns zu verstehen: Eine Ent-täuschung befreit uns von einer Täuschung. Sie nimmt uns eine Vorstellung, die wir uns gemacht und wie eine schützende Wand zwischen unsere Erwartungen und die Wirklichkeit geschoben hatten. Was bei den Mutationen des Virus gefährlich werden kann, erweist sich bei den „Mutationen Gottes“ als unsere Rettung: Gott bleibt ansteckend. Er passt sich an uns an. Wir können nicht sicher sein, dass unsere Abwehrmechanismen ihm auf Dauer standhalten werden.

Gott ist anders, und er kann auch uns ändern. Augustinus schließt in seiner Auslegung des Psalms an das Wort von der „Veränderung der Rechten des Höchsten“ das Sätzchen an: „Jetzt hat der Höchste begonnen, mich zu ändern.“ Das bedeutet: Unser menschlicher, allzu menschlicher Wunsch, der Spuk möge rasch vorbeigehen und alles wieder so werden, wie es vorher war, greift zu kurz. Wenn wir nach der Pandemie weitermachen, als wäre nichts geschehen, laufen wir Gefahr, uns gegen das Wachstum zu immunisieren, zu dem Gott uns vielleicht durch diese Herausforderung führen will.

An Ostern – und in jeder Eucharistie – feiern wir die fruchtbare „Mutation“ unserer Erlösung: Der Gott gleich war, wird zum erniedrigten Gekreuzigten, das Weizenkorn zum Brot des Lebens. 

 


Und Judas?
Ikone Auferstehung des Judas
Friedensikone von Josua Boesch


Karsamstag ist der Tag der Grabesruhe Jesu. Die christliche Tradition hat diese Ruhe allerdings mit Leben gefüllt:

Als Gestorbener steigt Jesus in die Unterwelt, in das Reich des Todes hinab. Diese sehr bildhafte Vorstellung, wie sie die Predigt des Epiphanius (siehe weiter unten im Blog) eindrucksvoll darstellt, hat existenziell tiefe Bedeutung:

Auch die Toten werden erfasst vom österlichen Geschehen. Das Gestorbensein ist nicht das Ende ihrer Geschichte. Nicht nur wir (noch) Lebenden, nicht nur die „Überlebenden“ haben Grund zur Hoffnung. Auch die Opfer werden „abgeholt“ aus ihrem „Verlorensein“. Die Opfer einer Pandemie, die Opfer eines Krieges, die Opfer unserer Migrationspolitik, die Opfer von Gewalt und Übermacht ... Eine Vorstellung, die die für ihren Tod Verantwortlichen durchaus beunruhigen kann.

Aber seit einiger Zeit hat man sich auch Gedanken gemacht über das Schicksal des Judas. In den Passionsgeschichten der Evangelien ist er als der Verräter Jesu der absolut Verdammte. „Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.“, legt Matthäus Jesus beim Abendmahl in den Mund (Mt 26,24).

Was für ein furchtbarer Satz! Das Entsetzen, der Abscheu darüber, dass ausgerechnet einer der Zwölf den Meister verraten hat, schlägt sich in den Texten drastisch nieder. Das endgültig vernichtende Urteil hat nicht zuletzt den Antisemitismus im Christentum jahrhundertelang befeuert.

Heute versucht man, die Beweggründe des Judas zu verstehen, um ihn zu „rehabilitieren“. Und - sollte Gottes österliche Lebensmacht wirklich vor diesem reuigen Verräter und verzweifelten Selbstmörder haltmachen?

Der Schweizer Künstler Josua Boesch hat eine „Friedensikone“ (Bild größer) geschaffen. Sie greift den Abstieg Jesu in die Unterwelt auf - und lässt den Auferstandenen zusammen mit Judas aus der Tiefe des Todes heraufsteigen. Hand in Hand, voller Dynamik, ein tanzender Sieg, er reißt ihn empor. Ich höre diesen Jesus rufen: „Kommt her, jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn euer Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden!“ (Lk 15,32)

Mit all unseren „verdammten“ Brüdern und Schwestern - sollten wir uns wohl aufmachen zum österlichen Festsaal?

 


Jesu Abstieg in die Unterwelt
Christi Gang in die Unterwelt
Karsamstag: eine ungewöhnliche Grabesruhe

Einer der schönsten Texte der österlichen drei Tage ist eine Lesung aus den „Trauermetten“, die am Karsamstag gesungen werden. Es ist die Predigt des altkirchlichen Bischofs Epiphanius (+ 535) zum „Großen und heiligen Sabbat“, die „berichtet“, was an diesem Tag der Grabesruhe Jesu in der Unterwelt geschieht.

Die darin beschriebene „Ruhe Gottes“ hat allerdings nichts zu tun mit der „Oster-Ruhe“, die uns Corona verordnet. Oder doch?

Download der Homilie des Epiphanius


Karfreitag
Kreuz und - Freude?
Kreuz und Christus-Mosaik
Tod und Leben - ineinander


„Dein Kreuz beten wir an, Herr, und deine heilige Auferstehung loben und verherrlichen wir.
Denn siehe: Durch das Holz ist Freude gekommen in die ganze Welt.“

Der Karfreitags-Gesang „Crucem tuam“ spannt das Paradox unserer Befreiung auf: Eben gerade durch den Tod Jesu ist Heil und Freude gekommen - für alle Welt. Das ist das Zentrum uneres Glaubens.

Das Bild aus der Abteikirche bringt es auf den Punkt - oder besser gesagt: ins Mosaik. Das aufgestellte Kreuz auf dem Altar steht heute im Vordergrund - eben weil dahinter der österliche Hirte schon das Lamm auf dem Schoß und mit ihm die Welt in seinen Armen trägt.

Tod und Leben - so nah zusammen. Ja, ineinander.
Was für eine Hoffnung - gerade in unserer erschütterten Welt.

 


Mein Volk, was habe ich dir getan?
Kreuz im Kapitelsaal
Sich fragen lassen unter dem Kreuz

Zu den eindrücklichen Gesängen der Karfreitagsliturgie gehören die Improperien während der Kreuzverehrung. Darin spricht Gott selbst sein Volk, uns Menschen an, die wir ihn ans Kreuz geschlagen haben. Der Text geht zurück auf Micha 6, wo Gott in einen Rechtsstreit tritt:

„Mein Volk, was habe ich dir getan, oder womit bin ich dir zur Last gefallen? Antworte mir!“ (Mi 6,3)

Angesichts des erhöhten Kreuzes geht mir das durch und durch. In diesem Jahr aber ganz besonders. Wie sehr haben die nun offenkundig gewordenen Verbrechen innerhalb unserer Kirche die Botschaft des Evangeliums verraten, wie vielen Opfern ist Glauben unmöglich geworden? Wie sehr sind Glaubende verunsichert und enttäuscht von verzögerten oder gar verweigerten Diskursen und Reformen? Wie viele sind gegangen und werden noch gehen ... und wie sprachlos und ratlos stehen wir da?

„Was habe ich euch getan? Antwortet mir!“

Wir sollten uns der Frage nicht entziehen - um aus dem Streit und Ringen mit Gott hoffentlich gesegnet hervorzugehen wie Jakob es einst am Jabbok erfahren hat (Gen 32).  

 


Heute wieder
Christus mit Dornenkrone
Brennende Dornen: „Corona spinarum“


Einst in der Wüste
schien Gott dem Mose auf
im brennenden Dornbusch
und nannte ihm seinen Namen:
„Ich bin der Ich-bin-da!“

Warum gerade im Dornbusch,
fragten die Gelehrten später,
warum nicht im schönen,
blühenden, prächtigen Gewächs?

Weil, so ahnten sie, dieser Gott
nicht erhaben und groß sein will,
wenn sein Volk in Fesseln und Elend lebt.
Dann brennt Gott in den Dornen.
Aus den Dornen brennt es: „Ich bin für euch da!“

Heute brennen wieder Dornen:
auf dem Haupt des Gekreuzigten.
Da brennt eine Krone aus Dornen.
Krone heißt auf Latein „corona“.

Auch heute brennt Gott - weltweit: „Ich bin für euch da!“

(Text von 2020 - stimmt immer noch)


Gründonnerstag
Das geht zu weit!
Darstellung der Fußwaschung
„Das geht zu weit!“ Die Fußwaschung provoziert Widerspruch.

In der Feier vom letzten Abendmahl legte Äbtissin Angela das Evangelium von der Fußwaschung aus und führte uns so in die Feier der „Heiligen Drei Tage“ hinein. In ihrer Ansparche klingt vielmals unser Jahresleitwort an: „weiter gehen“.

Hier können Sie die Ansprache herunterladen.


Nach der Weise „Krankheit“ zu singen.
Trauernde Frau
Verzweiflung aufnehmen - und teilen

In den Laudes, dem Morgengebet des Gründonnerstag, haben wir den Psalm 88 gesungen. Es ist ein Klagelied, eigentlich sogar ein Anklage-Lied: „Deine Schrecken haben mich vernichtet ...“ Als einziger endet dieser Psalm nicht mit einem Aufblick der Hoffnung und des Vertrauens, sondern mit der resignierten Feststellung: „Mein Vertrauter ist nur noch die Finsternis.“

In der biblischen Überschrift dieses Psalms ist vermerkt: „Nach der Weise 'Krankheit' zu singen.“ Was liegt näher, als ihn derzeit „nach der Weise 'Corona' zu singen“? Viele seiner Verse könnten aus dem Herzen der einsam Sterbenden dringen - und auch aus der Not der abschiedslos zurückbleibenden Angehörigen.

Aber heute berührt mich auch, dass wir überhaupt die Verzweiflung dieses uralten Beters in der Liturgie immer wieder aufnehmen, immer wieder laut werden lassen, uns immer wieder selbst hineinbegeben, uns darin einfühlen. Anstatt das Dunkle und Schwere beiseite zu schieben, auszuweichen, es zu verdrängen und zu vergessen. 

Gebet ist auch Einfühlung. Nicht-Vergessen. Aufmerksamkeit für die Stimme aller Menschen. Gerade der Leidenden.

 


Gebrochenheit

Beim letzten Abendmahl verschenkt Jesus sich selbst in die Hände seiner Jünger: als gebrochenes Brot. Jeder bekommt ein Stück, hält es in seinen Händen. Ein Bruchstück. Ein Fragment. 

Im Brechen des Brotes ist Gott in unserer Mitte gegenwärtig. Er nimmt unsere eigene Form an: Unsere Gebrochenheit, die Bruchstücke unseres Lebens, die schroffen Kanten von Verletzungen, Versagen, Verlusten, Nöten. Unsere Unvollkommenheit.

Die schöne, kreisrunde Hostie führt fast in die Irre: Erst gebrochen und geteilt wird das Brot zum Zeichen. Erst vom Bruchstück werden alle satt. Erst aus vielen Fragmenten und Brüchen entsteht eine Mahlgemeinschaft - die Kirche. Wir.

Leonard Cohen singt:
„Ring the bells that still can ring / forget your perfect offering  
there is a crack in everything / that's how the light gets in.“

Brotbrechen


Mittwoch der Karwoche
„Der Meister lässt dir sagen ...“
Platz haben
Meinen Raum geben

„Geht in die Stadt zu dem und dem und sagt zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist da; bei dir will ich mit meinen Jüngern das Paschamahl feiern.“

So heißt es heute im Evangelium des Tages (Mt 26,18). Jesus braucht gelegentlich Randfiguren. Am Palmsonntag war es der Besitzer einer Eselin, der sein Tier „auf Zuruf“ zur Verfügung stellen sollte. Er tat es. Und hier ist es „der und der“ - sein Name tut nichts zur Sache - der ebenso bereitwillig sein Haus zur Verfügung stellt.

Auch ich bin eher eine Randfigur im Blick auf die großen Ereignisse in Welt und Gesellschaft und Kirche. Eher unbekannt, ein wenig abseits. Eine von vielen eben. Was kann ich schon tun? Zumal gerade alles von der Pandemie gelähmt und mühsam und abgesagt ist.

Aber vielleicht lässt der Meister jetzt auch mir sagen: „Meine Zeit ist da; bei dir will ich mit meinen Jüngern das Paschamahl feiern ...“ ?

Dann würde ich jetzt gebraucht. Dann würde mein eigenes Leben jetzt der Raum für das Ostergeschehen.

„Ja, Meister, wenn du willst - ich habe Platz für euch!“

 


Kreuz in der Abtei
Kreuz in der Abtei

Ostern ist nicht abgesagt.
Nein, Ostern findet gerade statt.
Ostern ereignet sich immer jetzt – global und sehr real.
Was wir an Ostern feiern – das geschieht derzeit hunderttausendfach.
Überall auf der Welt, aber diesmal auch bei uns,
ganz unerwartet und neu und anders, direkt vor unserer Tür.
Das erschreckende Geheimnis von Leid und Tod –
es hat uns im Griff –
jetzt spüren wir es hautnah.
Es geht um Leben und Tod – für viele. Für viele von uns.
Ja, das ist das Geheimnis von Ostern.
Erschreckend real sind wir mittendrin.

Aber gerade das ist die Botschaft von Ostern:
Auch Gott ist mittendrin – erschreckend real.
Gerade jetzt, gerade heute, genau so
geht Gott in das Leiden und Sterben hinein – mit uns.
Gerade jetzt wird die Liebe stark wie der Tod –
bei allen, die helfen, die sorgen, die kämpfen und hoffen.
Gerade jetzt öffnet Gott neues Leben – auch durch den Tod hindurch,
auch da, wo unsere Möglichkeiten enden.
Gott selbst ist gestorben, Gott selbst stirbt mit uns –
und reißt uns mit sich durch das Dunkel ins Licht.
Weniger glauben wir Christen nicht. 
Ist uns das neu?

Nein, Ostern ist nicht abgesagt.
Ostern ist uns zugesagt. Gerade jetzt. Im Ernst.


Dienstag der Karwoche
Contrarius - er ist uns entgegen
Kontrast
Herausfordernde Kontraste

„Dixerunt impii: Opprimamus virum iustum, quoniam CONTRARIUS est operibus nostris. - Die Sünder sagen: Lasst uns den Gerechten bedrängen, denn er steht unserem Tun entgegen.“

Der Dienstag der Karwoche ist für mich geprägt von dieser Antiphon, einem kleinen gesungenen Vers in Morgen- und Abendgebet, darin ist die Rede vom Widerspruch zwischen „Gerechten“ und „Ungerechten“. Eine große Spannung entsteht, wo Recht und Unrecht aufeinandertreffen, eines hält das andere nicht aus.

Solche Kämpfe erleben wir derzeit in vielen Bereichen von Gesellschaft und Kirche, eine Polarisierung, die in Feindschaft umschlägt - bis hin zur Gewalt. 

Auch das Geschehen um Jesus ist von diesen spannungsreichen Gegensätzen geprägt. Von ihm wird da gesagt und gesungen: „contrarius est“ - „er ist uns entgegen“. Seine klare und starke Liebe ist ganz anders als unsere Kämpfe und Abwehrreaktionen. Herausfordernd anders.


Montag der Karwoche

„Lass uns aufatmen!“ –
Das (lateinische) Tagesgebet vom Montag in der Karwoche überrascht mich mit der Bitte: „Schenk uns, dass wir aufatmen!“

Da begehen wir das Gedenken des Leidens und des Sterbens – eine schwere, dunkle Zeit – und wir sollen dadurch aufatmen? Der Blick des Gebets reicht weiter und tiefer als ich selbst in der Bedrängnis schaue. Die Hoffnung auf Ostern schafft Raum: Es geht darum, dass wir aufatmen können.
Wir Kranken. Wir Verletzten. Wir Erschütterten. Wir Ratlosen. Wir Suchenden. Wir Überforderten. Ja, schenk uns, dass wir aufatmen können!

Da, quaesumus omnipotens Deus, ut
qui ex nostra infirmitate deficimus, intercedente unigeniti Filii tui passione,
respiremus!


Palmsonntag
Wo ist eigentlich Gott?
Handschrift des Offertoriums vom Palmsonntag
Uralte Gesänge, hochaktuell: das Offertorium „Improperium" (Bild: www.e-codices.unifr.ch)

In dieser Zeit Gott zu „sehen“ oder seine Nähe, seine Wirklichkeit zu erfahren - das ist nicht leicht, weder in der Kirche noch in unserer von Krisen geschüttelten Welt. Oft auch im eigenen, persönlichen Umfeld nicht.

Am Palmsonntag haben wir zur Gabenbereitung den Gesang Improperium exspectavit cor meum“ gesungen: „Schmach und Elend erwartet mein Herz, ich halte Ausschau nach einem, der mit mir traurig ist, und da ist keiner. Ich suche einen, der tröstet - und finde keinen ...“ (aus Psalm 69) 

Das sind an dieser Stelle die Worte Jesu im Zugehen auf sein Leiden. Aber es könnten auch die Worte derer sein, die Opfer von Missbrauch wurden - und lange, lange Zeit niemanden hatten, der sie hörte, ihnen glaubte, ihnen Hilfe und Recht verschaffte.

Jesus wird Opfer. Sein Weg ans Kreuz ist ein Weg tiefster Solidarität mit allen, die leiden. Wer Gott sucht, seine Nähe erfahren will - darf die Opfer von Unrecht, Gewalt, Missbrauch, Willkür, Gleichgültigkeit nicht übersehen und übergehen. Sonst suchen wir ihn vergebens.


Den Weg Jesu mitgehen: die Markus-Passion
Prof. Ballhorn
Liest die Passionsgeschichte nach Markus: Prof. Egbert Ballhorn

Ein guter Impuls für diese Woche:
Die Passion nach Markus wird von Prof. Egbert Ballhorn in eigener Übersetzung in der Grabeskirche Liebfrauen in Dortmund gelesen.

Abwechselnd hierzu singt Simon Daubhäußer Auszüge aus den „Klageliedern" und improvisiert an der Orgel. Sie können es unter folgendem Link aufrufen: Video auf Youtube

„Echo“ zum Oster-Blog

Wir freuen uns über Ihre Ideen, Gedanken, Rückmeldungen, Fragen, Anliegen zum „Oster-Blog 2021“!
Ihre Benediktinerinnen der Abtei Varensell

 

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